artist statement:

Der umfassende Kern meiner Fotografie ist in der Betrachtung der Aufnahmen aus dem linearen Kontext der Serien heraus erkennbar. Sie ist in meiner Intention und Eigenart übergreifend ausgerichtet. Fotografie ist für mich nicht reine Abbildung, viel mehr Beschreibung, Erzählung und Ausdruck. Das Narrativ der Aufnahmen ist ein Kennzeichen meiner inhaltlich ausgerichteten Fotografie. Porträts sind Erzählungen, sie erfassen einen Moment von Nähe und auch Landschafts- und Stadtaufnahmen sind Porträts.

Mein erster Einfluss davon was Kunst sein kann, bekomme ich durch Ursula Reuter Christiansen, meine Großtante, die in den 1960er Jahren an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Joseph Beuys studiert und danach als Malerin nach Dänemark zieht. Sie und ihr Mann Henning Christiansen, Komponist und Fluxus-Künstler, haben meine Haltung zur Kunst und Kreativität stark geprägt. Die lebensphilosophische Ansicht, dass Leben Kunst und Kunst Leben ist, wird zum Bestandteil meiner künstlerischen Idee. Kreativität ist Freiheit.

Nach einem Semester auf der Kunsthochschule Weißensse des Studiengangs „Interdiziplinär“ besuchte ich in den Jahren 2003 bis 2005 die Fotoschule „Fotografie am Schiffbauerdamm“ bei Sibylle Bergemann. In dieser Zeit fällt für mich die Entscheidung für die Fotografie als Mittel des Ausdrucks und für die Kamera mit ihrem digitalen Abnehmer oder Film als Werkzeug. Sibylle Bergemanns Porträts, ihr genauer Blick, ihr Interesse an der Persönlichkeit und den Augen der fotografierten Person, die Wahl der Orte, die mit ihrer Vorgabe das Motiv prägen und die Beschränkung auf das vorhandene Licht in der Aufnahme, sind mir sehr nah.

Die Nachtaufnahmen von »Berlin« bestehen aus einer authentischen Begebenheit, die in den Inszenierungen und vom Licht inszenierte Straßenaufnahmen zur fotografischen Vorgabe werden und den dokumentarischen Charakter im Motiv verdichten. Diese Ausrichtung des Aufbaus eines Motivs ist ein zentraler Punkt in meiner Fotografie. Die Situation in den „short-stories“ ist ungeklärt und ihr Verlauf bleibt offen. Hierin spiegelt sich die Anonymität der Großstadt wider, wo sich tagtäglich Menschen begegnen ohne etwas voneinander zu wissen. Die Konstellation im Taxi ist der konzentrierteste Ausdruck dafür. In der Assoziation und Vorstellung des Betrachters werden die Fotografien zu seiner eigenen Geschichte.

Aufgewachsen bin ich außerhalb einer Ortschaft in einem Haus am Waldhang. Aus dem Dorf führte ein unbeleuchteter Feldweg zum Haus. Diese Kindheitserfahrung der Dunkelheit des Waldes haben mich geprägt. Für mich ist seither Dunkelheit etwas Vertrautes. Mir ist schon früh aufgefallen das Nächte verschieden dunkel sind und manche Nächte etwas Besonderes haben und manche einfach Nacht sind. Die Ruhe, die Klarheit und die Geschlossenheit, die mir die Nacht vermittelt, übersetzte ich in die Aufnahmen von »Berlin«.

Die Möglichkeiten des Diaprojektors als Experimentier- und Gestaltungsmittel verwende ich schon lange in meiner Fotografie. Das abgedunkelte Atelier, das Surren des Ventilators und das strahlende weiße Licht im Raum ergeben eine sehr eigene und minimierte Arbeitsweise. Das reine Spiel von Licht und Schatten, von hell und dunkel. In »Metamorpha« setzt sich das Experiment von Bild im Bild fort. Es ist die Abbildung der Abbildung im Bild, die Fotografie in der Fotografie.


Zuerst bin ich Beobachter und dann Fotograf. Das Wissen um Vergänglichkeit ist mir sehr bewusst und spiegelt sich in meiner Haltung zur Fotografie und im Augenblick der Aufnahme wider. Eine Verbundenheit zum Motiv ist die Voraussetzung für mich, meine fotografische Idee und damit mein Ziel zu erreichen. Ich bin mir in diesem Prozess bewusst, dass ich auch scheitern kann. Darin verbindet sich meine Radikalität zu fotografieren..

 

Neue Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft bringen aktuelle Veränderungen hervor. Die Notwendigkeit der eigenen Positionierung ist mehr und mehr gefordert. Faktoren wie Abgrenzung, Abschirmung und Distanz werden stärker. Weltoffenheit und Toleranz sind Werte, die in Deutschland seit nach dem 2. Weltkrieg vermittelt werden, um den zum Krieg geführten Rassismus nicht wieder aufkommen zu lassen. Eine momentan anhaltende und wachsende Bewegung innerhalb der Bevölkerung stellt diese Werte wieder in Frage und fordert erneut eine verschlossene und abgegrenzte Nation. Ein weiteres, europaweites Thema dieser Zeit ist der steigende Anteil derer, die sich in einer problematischen finanzielle Situation wiederfinden oder sogar schon in Armut leben. Die Obdachlosigkeit hat einen dramatisch Verlauf genommen und ist besonders in Berlin überall sichtbar.

Im Einfuss dieser Beobachtungen nimmt der gesellschaftspolitische Charakter in meiner Fotografie zu. Eine erste Arbeit aus diesem Impuls heraus ist »Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufname 2018 │ Pt.1«. Ein Land im Nachkriegszustand, dessen aus dem Bürgerkrieg resultierenden Missstände das Leben dominieren. Die Bevölkerung befindet sich in einer gesellschaftlich und wirtschaftlich festgefahrenen Situation wieder. Beschlussunfähige Parlamentsstrukturen bringen keine Erneuerungen. Über Angst vor dem Anderen geschürter Nationalismus und Korruption verhindern eine positive Entwicklung. Vielen Menschen bleibt nur die Abwanderung in andere Länder, weil jegliche wirtschaftliche Zukunftsperspektiven fehlen.

Die Spuren meiner Beobachtungen und damit die Einflüsse der heutigen Zeit zeichnen sich in meinem Blick ab. Der Ausdruck ist klarer und sachlicher ausgerichtet, als Gegenpol zur unübersichtlichen Gesellschaftsentwicklung. Daraus resultiert der Ansatz einer neuen Arbeit „the space between“ oder „Nichts ist mehr wie es war“. Diese Aufnahmen beschreiben einen Zwischenraum, eine zeitliche Spanne der Veränderung, eine philosophisch offene Stelle oder die Spuren aus einer vergangenen Zeit in der Gegenwart.