»Berlin« ist im Puls der Nacht auf der Straße fotografiert. Die Schwarzweißfotografien erzählen vom melancholischen Charakter Berlins, der in den verlassenen nächtlichen Straßen am deutlichsten wahrzunehmen ist. Auch die Selbstwahrnehmung ist im schattigen Licht der Straßenlaternen menschenleerer Straßen eine andere.

Die szenische Vorgabe für die Inszenierungen und vom Licht inszenierte Straßenaufnahmen ist ein wichtiger Bestand des dokumentarischen Charakters im Motiv und der Berlin Erzählung. Das vorhandene Licht wird in den Aufnahmen beibehalten und gibt die authentische Lichtstimmung vor. Das Nahe scheint klar, die Weite verliert sich im Schwarz. Die Fotografien bergen Geschichten in sich, die nicht festgelegt sind, das Wie, Wohin und Warum bleibt offen. Die Protagonisten verhalten sich so, als wären sie nicht dem Blick der Kamera ausgesetzt. Die bildliche Erzählung erweitert sich vom Einzelmotiven über Bildreihen, bis hin zum Foto-Film Zusammenschnitt im Musicclip »60 seconds«. In der Assoziation des Betrachters werden die Fotografien zu seiner eigenen Geschichte.

Yorks analog aufgenommenen Schwarzweißfotografien »Berlin« halten die Balance aus zwischenmenschlicher Nähe und Anonymität und erzählen von großstädtischer Atmosphäre in Augenblicken der Ruhe und leeren, regennassen Straßen. Die ersten Straßenaufnahmen fotografiert York während seiner nächtlichen Fahrten als Taxifahrer aus dem Taxi heraus. Das Wesentliche dieser Serie ist nicht der bereits in den Neunzigern hinlänglich dokumentierte Mythos des Nachtlebens Berlins, sondern viel mehr ein Blick vom Zentrum weg gerichtet, auf die Leere in der Mitte, einer Peripherie im Zentrum, die heute stimmungslos überbaut ist.

»Cadilac« ( Ausschnitt )

‘York Wegerhoff zeigt fotographische Serien. Menschliche Antlitze, diffuse, städtische Nachtszenen, Individuen, versunken in der Dunkelheit der Straßenschluchten. Im Betrachten eines einzelnen Werkes ist man stets aufgefordert, sogleich das Nachbarwerk mitzusehen, beide Werke zu verbinden, um von dort ausgehend zum nächsten zu eilen und so fort. York Wegerhoffs Interesse gilt weniger den Einzelbildern, sondern ihrem quasi filmischen Durchlauf, der Story. Eine solche, wie sie nur das feuchte, dunkle Berlin schreiben kann: Ohne klaren, behutsamen Anfang erzählt sie ständig neu, immer andere Verläufe nehmend, stets das Happyend vermeidend. Die Einladung zur „Nachtfahrt“ erfolgt noch freundlich, das Taxi scheint geräumig… im Untergeschoss , im gnadenlosen Regiment der bebilderten Lichtkästen, gilt nur ein Gesetz: Mithalten, mitziehen. Wer zurückbleibt, den schluckt die Nacht, der findet sich – den abgebildeten Protagonisten in den grauen Metallkästen gleich – salzsäulenartig erstarrt im Anblick des namenlos Hellen.’ Andreas Bauschke, Galerie La Girafè zum Europäischer Monat der Fotografie, Berlin 2016

english version:
The central point of York Wegerhoff’s photographic ‘short stories’ is the night-time Berlin. His analogue black-and-white series Berlin # keep the balance between privacy and urban anonymity in mostly unexplained circumstances. The narration of the photos is positioned between a big city ambience and moments of silence in a constantly flow of a metropolis.
The first images of the series arise from the influence of his nightly work as a taxidriver in Berlin. The streetphotograhpies are shot by York directly out of the taxi. In the staged photographs of the protagonist is observed as if not being followed by the camera. These scenes appear illuminated by the authentic streetlight setting. The sequence of the photos is not a story-line. A single photograph is the purpose to awaken and to inspire the sentient imagination of the viewer.
The essential part of this series is not the legend of the Berlin’s nightlife from the 90ies. It’s a view off centre, an emptiness in the middle, a periphery in the centre of the city, which is overbuilt, devoid of any mood today.

»Nachtfahrt – Taxi 2071 I – VIII«

In »Nachtfahrt – Taxi 2071« mit Anne Makarov und Andreas Wermke treffen während einer Taxifahrt durch die nächtlichen Straßen von Berlin der Fahrer und der Fahrgast als fremde Menschen aufeinander. Durch die räumliche Begrenzung des Innenraums des Taxis entsteht ein scheinbar privater Moment. Die ungeklärte Situation in den Aufnahmen von »Berlin« und der offene Verlauf der Erzählungen spiegelt die Anonymität der heutigen Großstadt wider, in der sich täglich tausendfach Menschen in den Straßen der Stadt begegnen, ohne etwas voneinander zu wissen. Die Konstellation der Begegnungen im Innenraum des Taxis ist der konzentrierteste Ausdruck dafür. Feine Nuancen kurzer Blicke und Beobachtungen, flüchtige Kontaktaufnahme, sich sehen und wieder verschwinden in den Straßen der Stadt.


Nachfahrt – Taxi 2071 I – VIII │ Museum für Kommunikation, Berlin 2006 Kommentar von Christian Duda:

Das Dilemma mit der Fotografie ist, – und das muss ich dem Eigentlichen unbedingt vorausschicken- dass sie nahezu immer und überall gegenwärtig ist. In Strassen, Zeitschriften, an Baugerüsten, U-Bahnschaukästen, Litfasssäulen. In Cafes, Warteräumen, in der eigenen Toilette liegen Titelfotos gestapelt, gefächert oder nur durcheinander. Fotografien sind immer und überall! Überall, wo unsere Welt mit Lust vordergründig sein will, wo sie zu schnellem Konsum, Speichelfluss und Greifreflexen provozieren muss. Neidisch erkennt der Autor, dass man ihn und seine Texte dazu nicht gebrauchen kann.
Die Überraschung war nicht klein, als ich vor dieser Serie schwarz-weißer Bilder stand. Zu allererst gefällt die augenscheinliche Qualität der Abzüge. Und nur wenig später drängt sich ein Wort auf – Stimmigkeit.
Doch der Reihe nach: Acht Bilder zu zwei horizontalen Viererreihen gehängt, alle im selben Format, gleichen Rahmen, zeigen eine Handvoll Protagonisten, als da sind: ein Taxifahrer, ein weiblicher Fahrgast, das Taxi selbst, die Straßen Berlins, die Hochhäuser des Alexanderplatz und Potsdamer Platz. Und was geschieht? Beruhigenderweise nichts Originelles!
Es ist eine Taxifahrt, wahrscheinlich vom Hotel in Richtung Spielbank, Musical oder Kino. Ich bin nicht groß gefragt als Betrachter. Ich sehe die Bilder an, sehe der kargen schemenhaften Handlung zu, muss mich nicht gleich in einen attraktiven Menschen verlieben, muss kein Taxi rufen oder auch nur gierig die Nacht erwarten. Beinahe hätte ich es vergessen, da ist noch etwas, was diese Bilder verbindet, die späte Stunde nämlich. Trotz dunkler Nacht trieft aber kein Großstadtkitsch vom Papier, findet sich auch keine Edward-Hopper-Anspielung, lockt kein Grusel oder Witz. Da ahnt man schon die Konzentration, mit denen dieser Fotograf seine Geschichte erzählt.
Ein Bild besteht auch aus den Dingen, die es nicht zeigt! Die Haltungen und Blicke der beiden Menschen sind uns vertraut, es sind unsere Haltungen und Blicke in Momenten, in denen wir uns unbeobachtet wohnen. In den von York Wegerhoff porträtierten Gesichtern finden wir Neugierde und etwas, was man auch im deutschen mit ‘ennui’ bezeichnen sollte, da wir für diese Mischung aus Langeweile und Gereiztheit keinen eigenen Begriff haben. Neugierde und ennui passen zu den beiden Menschen im Vordergrund, wie zu der Stadt dahinter.
Blendend gemacht, wenn der gesenkte Kopf der Frau im Rückspiegel vor den Lichtwolken schwebt und im nächsten Bild ihr aufgestützter Kopf vor den unscharfen Schemen seines Gesichtes und seiner Mütze in die Höhe zeigt. Beide Bilder werden dann auch konsequent wiederholt und dann ist ihr aufgestützter Kopf schon beinahe ins Freie gestreckt, während er sich auf seine Arbeit konzentriert. Die Serie zeigt im ersten Bild die große Distanz zwischen den Menschen und im letzten die Nähe zwischen den Körpern. Das ist eine rein formale Angelegenheit, denn Nähe und Distanz sind ihrem Verhältnis als Chauffeur und Gast geschuldet, auch hier lauert keine Anspielung, es ist das normale Spiel unter den gegebenen Umständen. Eine stille Sensation also ist da zu betrachten auf diesen brillanten Bildern des York Wegerhoff, denn sie inszenieren Normalität, sind dabei technisch und künstlerisch raffiniert, und verraten nicht einmal in der Tendenz diese Normalität. Das ist ein schmaler Grat und eine hohe Kunst!
Dereinst (und dieses Wort steht hier nicht zufällig) wird man auf diese Bilder vielleicht sehen, wie wir heute auf die Porträts August Sanders starren, und Handwerk und Virtuosität, Moden, Gesichter und Zeitverhältnisse studieren. Doch bieten die Arbeiten Sanders zudem den Schauer vergangener Zeiten. Wegerhoffs Arbeiten sollten wir also jetzt genießen, solange die künstliche Süße des Sentiments sie nicht aufpeppt!

 

»60 seconds« ( Ausschnitt )

Der Foto-Film-Musikclip 60 seconds zu einem Song von Jacqueline Suzanne Blouin basiert auf dem Konzept der analogen Schwarzweißfotografien von »Berlin«. Die Idee eines Foto-Films ist inspiriert von dem Kurzfilm “La Jetée” von Chris Marker

The photo-film-musicclip 60 seconds, song by Jacqueline Suzanne Blouin, is based on the concept of the analogue black-and-white series Berlin #. The idea of a photo-film-musicclip is inspired by the short film “La Jetée” by Chris Marker.

make-up artist: Servullo