»Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufnahme« │Ein fotografisches Mosaik

Ausstellung 28.10.19 bis 24.01.2020 / verlängert
Ort │ südost Europa Kultur e.V., Großbeerenstraße 88, 10963 Berlin
Öffnungszeiten Mo – Fr von 9.00 bis 17.00  Uhr
www.suedost-ev.de/

Prolog:
Der Serie „Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufnahme“ ist die Zusammenarbeit zwischen York und der Dänischen Kunstgruppe Superflex im Jahr 2001 zur 2. Berlin Biennale in den KunstWerken vorausgegangen. Gemeinsam wurde das Projekt „Superchannel“ installiert. Ziel des Projekt war es in den Städten des ehemaligen Jugoslawiens Zagreb, Sarajevo und Belgrad Internetsendestudios einzurichten, über die die junge Generation ihre kreativen Beiträge und Musik teilen konnten. Im Superchannel Berlin waren diese Beiträge zu sehen. Die Superchannelstudios boten jungen Menschen eine Plattform, im damaligen Rahmen des aufkommenden Internets, die Möglichkeit über die nationalistischen Einstellungen der älteren Generation hinweg, ihre Beiträge, Ideen und kreativen Arbeiten, wie z.B. Kurzfilme zu präsentieren. Über Superchannel gab es die Möglichkeit für die jungen Menschen der ehemaligen Kriegsgegner sich zu vernetzen und den Dialog wieder zu verstärken.

for the english version please scroll down

[ Die klassische Form des Mosaiks kommt seit einigen tausend Jahren in vielen Kulturen im Mittelmeerraum bis nach Vorderasien vor und beschreibt ein Zusammenfügen vieler kleiner Teilchen zu einem Muster oder Bild.]

Bosnien und Herzegowina hat eine lange europäische Geschichte und Sarajevo als Hauptstadt ist städtisch ein Schnittpunkt der Kulturen. Im jugoslawischem Staatsverbund unter Tito wurde eine multiethnischen Gesellschaft etabliert und gelebt. Ein sich ausbreitender Nationalismus führte zum Zerfall Jugoslawiens. Die daraus entfachten Jugoslawienkriege mündeten in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 in einen blutigen Bürgerkrieg und zerstörte das multiethnische Gesellschaftsbild. Übriggeblieben sind Fragmente eines Landes. Die einzelnen Abbildungen des alten imaginären Gesellschaftsmosaiks sind heruntergefallen. Die dokumentarischen Schwarzweiß- und Farbfotografien von York Wegerhoff sind eine Sammlung von wieder aufgehobenen Mosaikteilchen, deren Abbildung in der Veränderung der Zeit ein Bild der aktuellen Situation Bosnien-Herzegowinas widerspiegeln. Die nicht in einer erkennbaren einheitlichen Erzählung zugeordneter Bildreihen und -anordnungen entsprechen sinnbildlich der aktuellen Situation des Landes. Die vielschichtige, abgrenzende und verstrickte Gesellschaftslage kann kein einheitliches Muster oder vollständiges Bild ergeben. Die Freistellen im Mosaik sind Pause und Stille. Sie haben ihre eigene Erzählung. Als Leerstellen stehen sie auch für das, was ein einzelner Künstler nicht alleine erzählen kann und für die vielen nicht sichtbaren menschlichen Schicksale, die hinter den Aufnahmen und Kulissen pulsieren.

Das Friedensabkommen von Dayton hat im November 1995 die Kampfhandlungen des blutigen Bürgerkriegs in Bosnien und Herzegowina beendet. Nicht vorgesehen, ist es aber zu einer komplizierten, nicht reformierbar angelegten Verfassung geworden, unter der das Land leidet. Der Vertrag gibt ein einheitliches Parlament in Sarajevo vor, führt aber keine nationale Einheit mit sich und zementiert die Aufteilung des Landes in ethnisch-religiöse Zonen.

Die heutige Stimmung und Perspektive wird von der Bevölkerung im Land als düster beschrieben. „So schlimm, wie es jetzt ist, war es seit dem Krieg nicht mehr“, bezieht sich auf die Abgrenzung der drei Ethnien untereinander, die fehlenden Zukunftsaussichten für ein wirtschaftlich stabiles Leben in Bosnien und die massive Korruption im Land. Zu viele Menschen profitieren am schlechten Zustand im Land. Die Bevölkerung findet sich eingeparkt zwischen beschlussunfähigen Parlamentsstrukturen und anhaltender Korruption wieder. Das Vertrauen in die Politiker des Landes ist weitgehend verloren. Ein nächster Schritt für Bosnien und Herzegowina sich aus einem Status des Protektorats der EU heraus zu entwickeln, bleibt seit Jahren aus.

Die gravierende Folge der ausbleibenden wirtschaftlichen Entwicklung ist die Abwanderung der jungen, ausgebildeten Generation aus allen Landesteilen. Das Ausbluten von Bosnien und Herzegowina hat schon lange begonnen und spitzt sich weiter dramatisch zu. Allein im Jahr 2017 waren es über 40.000 junge, ausgebildete Menschen, die das Land ohne Aussicht auf Perspektive verlassen haben. Ein Arbeitsabkommen für ausgebildete Pflegekräfte mit Deutschland trägt seinen Teil dazu bei.

Die stagnierte gesellschaftliche Entwicklung des Landes ist ein Messwert für die EU geworden. In wie weit reicht ihr politischer Wille, die festgefahrene Struktur neu zu ordnen und damit den notwendigen positiven Wandel nach europäischen Werten einzuleiten. Die Brisanz ist hoch. Gelingt ihr es nicht, verliert sie in einem europäischen Land weiter an Einfluss.

Die Bevölkerung in Bosnien musste mit aller zerstörerischen Konsequenz erleben, was es bedeutet, wenn Nationalismus sich in einer funktionierenden Gesellschaft ausbreitet und mit welcher Schnelligkeit er zur Spaltung und zum Krieg führt. Deshalb müssen die europäischen Länder mit der momentanen gesellschaftspolitischen Entwicklung in ihren eigenen Ländern sehr aufmerksam umgehen und das Wachsen des Nationalismus europaweit erkennen. Diese Gesellschaftsentwicklung ist eine Aufforderung sich für Demokratie, eine offene und tolerante Gesellschaft und ein gemeinsames Europa einzusetzen. Die Menschen in Bosnien konnten lange nicht glauben, dass so etwas in ihrem Land passieren würde. Selbst als die Kriegshandlungen begonnen hatten, sind sie davon ausgegangen, dass es sehr bald wieder vorbei ist. Jemand würde schon kommen und den Krieg beenden. Jahrelang kam niemand.

short english version:

»Bosnia and Herzegovina – current situation«

A photographic mosaic by York Wegerhoff

[The classical form of a mosaic appears since thousands of years in many Mediterranean cultures and the Middle East and describes a sample or image produced by arranging small pieces together]

Bosnia and Herzegovina has a long European history and the capital Sarajevo is an urban intersection of cultures. Under Tito a multi-ethnic society was established in the Yugoslavian state. A spreading and growing nationalism lead into a collapse of the Yugoslavian state. From 1992 -1995, the arousing Yugoslavian war ended up in a bloody civil war in Bosnia and Herzegovina, which destroyed the multi-ethnic society, image and life. Only fragments of a country remained. The documentary black and white and color photographs is a collection of mosaic puzzles, which reflect a narrative picture of the current situation in Bosnia and Herzegovina. The missing homogeneous story line and arrangement of the photographs symbolize the situation of the country. The complex, over structured and entangled situation in the society cannot result in an uniform model or complete entire image. The empty spaces of the mosaic are interruptions and silence. They have their own story. The empty spaces are also symbols for the invisible human fates, which pulsate behind the photographs.

With all the destructive consequences, the civil society in Bosnia and Herzegovina, had to experience, what it means, if nationalism spreads in a well-functioning society and how fast it can bring division and war. Therefore the European countries have to be aware about their own current situation. We have to realize that nationalism spreads out more and more all over Europe again. This development is a call to stand up for democracy, an open and tolerant society and a united Europe. For a long time, the people in Bosnia and Herzegovina, could not believe that something like this could happen in their own country. Even as the acts of war got stronger, they thought that it will end soon. That someone would come up and stop the war. For years no one came.

 

Finissage 24 Januar 2020 von 17.00 – 21.30 Uhr

Anlässlich der Finissage ab 18.30 Uhr bei Südost Europa Kultur e.V.:

Prisma Migration – ein Podiumsgespräch
Der Westbalkan: Sackgasse für MigrantInnen und Arbeitskräfte-Reservoir der EU

Mit der Weigerung, Beitrittsverhandlungen mit Albanien und Nordmakedonien aufzunehmen, hat die EU Ende Oktober 2019 auf dem Westbalkan einen Schock ausgelöst. Bisher waren die Pro-Europäer dort davon ausgegangen, dass die Erweiterungen der EU nach Aufnahme der exjugoslawischen Republiken Slowenien (2004) und Kroatien (2012) und dem Beginn von Beitrittsverhandlungen mit Montenegro (2010) und Serbien (2012) weiter gehen – und irgendwann auch Bosnien-Herzegowina und Kosovo einbeziehen würde. Denn so hatten es die Staatschefs der EU seit Jahrzehnten immer wieder angekündigt.

Nun sieht es eher so aus, als sollten die Staaten des Westbalkans der EU für absehbare Zeit als Rekrutierungsgebiet für Arbeitskräfte für die Wirtschaft im reichen Westen Europas dienen und zudem als Auffanglager für MigrantInnen auf der angeblich geschlossenen Balkanroute.

Die EU-Außengrenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina schreibt eine neue, starre Grenzziehung innerhalb Europas fest. Seit Monaten wird tausenden von MigrantInnen beim Versuch der Einreise in die EU nicht nur ihr gesetzlich verbrieftes Asylrecht verweigert. Die Sicherheitskräfte des EU-Mitglieds Kroatien schieben die Menschen gegen das EU-Recht mit Gewalt zurück ins benachbarte Bosnien-Herzegowina. Unterstützt werden sie von der EU-Grenzsicherungsagentur Frontex. Geduldet wird das Treiben von den übrigen EU-Mitglieder, allen voran den Schengen-Staaten, denen sich Kroatien schon aufgrund des starken Tourismus unbedingt anschließen will. Und das,obwohl die allermeisten MigrantInnen aus der Türkei über EU-Staaten wie Griechenland und Bulgarien dorthin gereist sind und die EU daher für sie verantwortlich ist.

In Bosnien hat sich aufgrund dieser Politik und des kompletten Versagens aller regionalen, nationalen und internationalen Institutionen mittlerweile eine echte Krise entwickelt: Im Una-Sana-Kanton nahe der kroatischen Grenze stellen die gestrandeten MigrantInnen seit Monaten zwischen 20 und 25 Prozent der Bevölkerung. Sie leben in alten Fabriken, in Zelten oder auf der Straße. Krankheiten, Konflikte untereinander und mit der lokalen Bevölkerung häufen sich. Die ersten Toten sind zu beklagen. Und die Zahl der Flüchtlinge und MigrantInnen nimmt trotz des anstehenden Winters täglich zu.

Gleichzeitig stehen die Grenzen der postjugoslawischen Staaten Richtung Westen weit offen.Jedes Jahr verlassen zehntausende KroatInnen und WestbalkanierInnen ihre Heimat Richtung EU. Längst ziehen nicht nicht mehr nur Junge fort, sondern ganze Familien, zumal die EU-Länder aktiv Personal abwerben und die Abwanderung so anheizen. Erst 2019 hat das Bundesministerium für Arbeit mit dem Kosovo ein Abkommen über die Anwerbung ausgebildeter Pflegekräfte unterzeichnet und mit Bosnien existiert seit Jahren eine solche Vereinbarung.

Es ist eine paradoxe Situation: Während sich Kroatien und die Westbalkanländer immer weiter leeren, sind weder Staaten dort noch die der EU im Stande auch nur darüber nachzudenken, Teile der MigrantInnen aus der Balkanroute zu integrieren und so die demographischen Lücken zu schließen. Es wird also auch um die Situation der MigrantInnen gehen, die es bis Berlin geschafft haben: Von ihrer Unterbringung bis zum Versuch der Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

Es diskutieren:
Vernesa Berbo, Schauspielerin, Autorin, Musikerin, 1992 aus Sarajevo nach Deutschland geflüchtet
Nina Werneke, Interkular Berlin, Integration und Förderung von Geflüchteten
Christian Jakob, Soziologe und Redakteur bei der Tageszeitung (TAZ), Mitautor des Buches „Europa macht dicht – Wer zahlt den Preis für unseren Wohlstand?“
Rüdiger Rossig, Leiter der Redaktion bosnisch/kroatisch/serbisch der Deutschen Welle
Moderation: York Wegerhoff