Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufnahme 2018│Pt.1


Bosnien und Herzegowina befindet sich im 23. Jahr nach dem Friedensabkommen von Dayton, das im Dezember 1995 die Kampfhandlungen des blutigen Bürgerkriegs beendete. Der Vertrag von Dayton ist zu einer komplizierten Verfassung geworden, die ein einheitliches Parlament in Sarajevo vorgibt, aber keine nationale Einheit mit sich führt. Die dokumentarischen Schwarzweißfotografien spiegeln ein erzählendes Bild der aktuellen Situation Bosnien-Herzegowinas wider. Im Mittelpunkt der Aufnahmen stehen die Beobachtungen auf eine Staatsentwicklung und ihre Nachkriegsgesellschaft, dessen Verlauf offen ist.

In den 22 Jahren nach dem Krieg wurde durch gezielte Arbeit und Engagement von Initiativen und Vereinigungen aus dem Ausland und in Bosnien selbst, den Opfern des Krieges geholfen und das gemeinschaftliche Miteinander gestärkt. Das Land wurde durch finanzielle Unterstützung der EU und Krediten des IWFs in seiner Infra- und Verwaltungsstruktur wieder aufgebaut. Der nächste Schritt für Bosnien-Herzegowina, sich aus einem Status des Protektorats der EU heraus zu entwickeln, bleibt seit Jahren aus. Die Bevölkerung befindet sich eingeparkt zwischen beschlussunfähigen Parlamentsstrukturen und anhaltender Korruption wieder und hat weitestgehend das Vertrauen auf die Politiker des Landes verloren . Ein geteiltes Land, dessen Puls zwischen Aussöhnung und Abgrenzung schlägt. Die formelle Gebietsaufteilung durch das Abkommen von Dayton, kann nur mit einer neuen gemeinschaftlichen Verfassung, für ein einheitliches Bosnien und Herzegowinas überwunden werden.
Die Einschusslöscher an den Häuserwänden sind wie Pockennarben des Krieges. Als Zeichen von Zerstörungswut und gegenseitigem Hass, könnten sie zu Mahnmalen werden. Die heutige Stimmung und Perspektive wird von der Bevölkerung im Land als düster beschrieben. „So schlimm, wie es jetzt ist, war es seit dem Krieg nicht mehr“, bezieht sich auf die Abgrenzung der drei Ethnien untereinander, die fehlenden Zukunftsaussichten für ein wirtschaftlich stabiles Leben in Bosnien und die massive Korruption im Land. Zu viele Menschen profitieren am schlechten Zustand in Bosnien. Das nationalistische Gedankengut, das Schüren von Ängsten vor den „Anderen“ und die damit erhaltenen kalten Fronten boykottieren eine freie gemeinsame Gesellschaftsentwicklung. Dabei braucht das Land genau das: Einheit und Stabilität für eine wirtschaftlichen Aufbau.
Die gravierende Folge der ausbleibenden wirtschaftlichen Entwicklung ist die Abwanderung der jungen, ausgebildeten Generation aus allen Landesteilen. Das Ausbluten von Bosnien und Herzegowina hat schon lange begonnen und spitzt sich weiter dramatisch zu. Die im Land allerorts stehenden Rohbauten sind ein deutliches Merkmal der Abwanderung. Leerstehend sichtbar zeigen sie, dass die Idee im eigenen Land bleiben zu können, aufgegeben wurde. Im Jahr 2017 waren es ca. 40.000 Menschen, die das Land resigniert verlassen haben.

Bosnien und Herzegowina hat eine lange europäische Geschichte und Sarajevo als Hauptstadt ist städtisch ein Schnittpunkt der Kulturen. Die ausbleibende gesellschaftliche Entwicklung des Landes ist ein Messwert für die EU geworden. In wie weit reicht ihr politischer Wille, die festgefahrene Struktur neu zu ordnen und damit den notwendigen positiven Wandel nach europäischen Werten einzuleiten. Die Brisanz ist hoch. Gelingt ihr es nicht, verliert sie in einem europäischen Land weiter an Einfluss.

„Sokrates Satz ich weiß, dass ich nichts weiß, ist in meinem Land nicht verfügbar“ steht an einer Mauer auf einer Kriegsruine an der ehemaligen Frontlinie in Mostar. Vielleicht wäre es ein symbolischer Anfang eines neuen gemeinsamen Umgangs mit der jüngsten Geschichte und eine neue Ebene der Versöhnung, ähnlich eines Kniefalls, wie der von Willy Brandt am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos, neben der serbische Fahne an der Polizeistation in Srebrenica auch die Nationalfahne Bosnien-Herzegowinas zu hissen und an jedem 11. Juli beide für drei Tage auf Halbmast zu setzen.

Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufnahme 2018│Pt.1:
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Srebrenica / Potočari, Bosnien und Herzegowina:
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Bosnien und Herzegowina 1999 und Sarajevo 2001