»Bosnien und Herzegowina – Bestandsaufnahme« │Ein fotografisches Mosaik

Vernissage 25 Oktober 2019 um 19.00 Uhr
In Bosnien ist es so. Es wird viel gesungen. Überall wo du dort hinkommst hörst du Menschen singen. Sobald sie zu zweit zusammen kommen, fangen sie an zu singen. Überall, jeder Zeit! Wie herrlich!“
Vernesa Berbo zu zweit mit Amira Berbo, alte Lieder werden jung gesungen.

https://www.facebook.com/events/2580939521982781/

Ausstellung 29.10.19 bis 24.01.2020
Ort │ südost Europa Kultur, Großbeerenstraße 88, 10963 Berlin
Öffnungszeiten Mo – Fr von 9.00 bis 17.00  Uhr

www.suedost-ev.de/

 

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[ Die klassische Form des Mosaiks kommt seit einigen tausend Jahren in vielen Kulturen im Mittelmeerraum bis nach Vorderasien vor und beschreibt ein Zusammenfügen vieler kleiner Teilchen zu einem Muster oder Bild.]

Bosnien und Herzegowina hat eine lange europäische Geschichte und Sarajevo als Hauptstadt ist städtisch ein Schnittpunkt der Kulturen. Im jugoslawischem Staatsverbund unter Tito wurde eine multiethnischen Gesellschaft etabliert und gelebt. Ein sich ausbreitender Nationalismus führte zum Zerfall Jugoslawiens. Die daraus entfachten Jugoslawienkriege mündeten in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1995 in einen blutigen Bürgerkrieg und zerstörte dieses multiethnische Gesellschaftsbild. Übriggeblieben sind Fragmente eines Landes. Die dokumentarischen Schwarzweiß- und Farbfotografien sind eine Sammlung von Mosaikteilchen, die ein erzählendes Bild der aktuellen Situation Bosnien-Herzegowinas widerspiegeln. Die nicht in einer erkennbaren einheitlichen Erzählung zugeordneter Bildreihen und -anordnungen entsprechen sinnbildlich der aktuellen Situation des Landes. Die vielschichtige, komplexe und verstrickte Gesellschaftslage kann kein einheitliches Muster oder vollständiges Bild ergeben. Die Freistellen im Mosaik sind Pause und Stille. Sie haben ihre eigene Erzählung. Als Leerstellen stehen sie auch für die vielen nicht sichtbaren menschlichen Schicksale, die hinter den Aufnahmen pulsieren.

Das Friedensabkommen von Dayton hat im November 1995 die Kampfhandlungen des blutigen Bürgerkriegs in Bosnien und Herzegowina beendet. Nicht vorgesehen, ist es aber zu einer komplizierten, nicht reformierbar angelegten Verfassung geworden, unter der das Land leidet. Der Vertrag gibt ein einheitliches Parlament in Sarajevo vor, führt aber keine nationale Einheit mit sich und zementiert die Aufteilung des Landes in ethnisch-religiöse Zonen.

Die heutige Stimmung und Perspektive wird von der Bevölkerung im Land als düster beschrieben. „So schlimm, wie es jetzt ist, war es seit dem Krieg nicht mehr“, bezieht sich auf die Abgrenzung der drei Ethnien untereinander, die fehlenden Zukunftsaussichten für ein wirtschaftlich stabiles Leben in Bosnien und die massive Korruption im Land. Zu viele Menschen profitieren am schlechten Zustand im Land. Die Bevölkerung findet sich eingeparkt zwischen beschlussunfähigen Parlamentsstrukturen und anhaltender Korruption wieder. Das Vertrauen in die Politiker des Landes ist weitgehend verloren. Ein nächster Schritt für Bosnien und Herzegowina sich aus einem Status des Protektorats der EU heraus zu entwickeln, bleibt seit Jahren aus.

Die gravierende Folge der ausbleibenden wirtschaftlichen Entwicklung ist die Abwanderung der jungen, ausgebildeten Generation aus allen Landesteilen. Das Ausbluten von Bosnien und Herzegowina hat schon lange begonnen und spitzt sich weiter dramatisch zu. Allein im Jahr 2017 waren es über 40.000 junge, ausgebildete Menschen, die das Land ohne Aussicht auf Perspektive verlassen haben. Ein Arbeitsabkommen für ausgebildete Pflegekräfte mit Deutschland trägt seinen Teil dazu bei.

Die stagnierte gesellschaftliche Entwicklung des Landes ist ein Messwert für die EU geworden. In wie weit reicht ihr politischer Wille, die festgefahrene Struktur neu zu ordnen und damit den notwendigen positiven Wandel nach europäischen Werten einzuleiten. Die Brisanz ist hoch. Gelingt ihr es nicht, verliert sie in einem europäischen Land weiter an Einfluss.

Die Bevölkerung in Bosnien musste mit aller zerstörerischen Konsequenz erleben, was es bedeutet, wenn Nationalismus sich in einer funktionierenden Gesellschaft ausbreitet und mit welcher Schnelligkeit er zur Spaltung und zum Krieg führt. Deshalb müssen die europäischen Länder mit der momentanen gesellschaftspolitischen Entwicklung in ihren eigenen Ländern sehr aufmerksam umgehen und das Wachsen des Nationalismus europaweit erkennen. Diese Gesellschaftsentwicklung ist eine Aufforderung sich für Demokratie, eine offene und tolerante Gesellschaft und ein gemeinsames Europa einzusetzen. Die Menschen in Bosnien konnten lange nicht glauben, dass so etwas in ihrem Land passieren würde. Selbst als die Kriegshandlungen angefangen hatten, sind sie davon ausgegangen, dass es sehr bald wieder vorbei ist. Jemand würde schon kommen und den Krieg beenden. Jahrelang kam niemand.

Es gibt viele Ansichten, warum alles so gekommen ist, wie es kam und und viele Positionen dazu warum die Situation heute so ist, wie sie ist. Jeder weiß es besser. Ein Graffiti an einer Absperrwand an der ehemaligen Frontlinie in Mostar beschreibt die Lage so: „Sokrates Erkenntnis ich weiß, dass ich nichts weiß, ist in meinem Land nicht verfügbar.“
Im Wirrwarr der Ansichten kann eine zukunftsweisende Idee sich nicht durchsetzen. In einem Punkt, egal im welchen Landesteil, ist sich die Bevölkerung einig. Ihre Hauptabneigung gilt den Politikern, die sie als Verbrecher bezeichnen. Nationalistische Politik, Korruption und Verstrickung in kriminelle Kreise dienen ihnen zum Machterhalt. Diese Politiker werden von der EU als Ansprechpartner unterstützt.

Vielleicht wäre es ein symbolischer Anfang eines neuen gemeinsamen Umgangs mit der jüngsten Geschichte und eine neue Ebene der Versöhnung, ähnlich eines Kniefalls, wie der von Willy Brandt am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos, neben der serbische Fahne an der Polizeistation in Srebrenica auch die Nationalfahne Bosnien-Herzegowinas zu hissen und an jedem 11. Juli beide für drei Tage auf Halbmast zu setzen. Vielleicht ist aber die Zeit dafür noch nicht gekommen.”

 

english version:

»Bosnia and Herzegovina – current situation«

A photographic mosaic by York Wegerhoff

[The classical form of a mosaic appears since thousands of years in many Mediterranean cultures and the Middle East and describes a sample or image produced by arranging small pieces together]

Bosnia and Herzegovina has a long European history and the capital Sarajevo is an urban intersection of cultures. Under Tito a multi-ethnic society was established in the Yugoslavian state. A spreading and growing nationalism lead into a collapse of the Yugoslavian state. From 1992 -1995, the arousing Yugoslavian war ended up in a bloody civil war in Bosnia and Herzegovina, which destroyed the multi-ethnic society, image and life. Only fragments of a country remained. The documentary black and white and color photographs is a collection of mosaic puzzles, which reflect a narrative picture of the current situation in Bosnia and Herzegovina. The missing homogeneous story line and arrangement of the photographs symbolize the situation of the country. The complex, over structured and entangled situation in the society cannot result in an uniform model or complete entire image. The empty spaces of the mosaic are interruptions and silence. They have their own story. The empty spaces are also symbols for the invisible human fates, which pulsate behind the photographs.

With all the destructive consequences, the civil society in Bosnia and Herzegovina, had to experience, what it means, if nationalism spreads in a well-functioning society and how fast it can bring division and war. Therefore the European countries have to be aware about their own current situation. We have to realize that nationalism spreads out more and more all over Europe again. This development is a call to stand up for democracy, an open and tolerant society and a united Europe. For a long time, the people in Bosnia and Herzegovina, could not believe that something like this could happen in their own country. Even as the acts of war got stronger, they thought that it will end soon. That someone would come up and stop the war. For years no one came.