Gedanken zu Srebrenica

Fotos: Srebrenica, Potočari und Kravica

Klare Luft durchzieht die Straßen von Srebrenica. Es ist ein sehr leiser Ort. Nur das Bellen der wilden Hunde und das Hacken von Holz sind in diesen warmen Frühlingstagen zu hören. Das Städtchen, in einem engen Talkessel am Rand der östlichen Wälder Bosnien und Herzegowina in der Republika Srpska gelegen, ist in seiner Infrastruktur wieder aufgebaut. Drei Jahre Belagerung und Beschuss aus den Bergen und die Einnahme der Schutzzone der UN im Juli 1995 durch die Truppen der Republika Srpska, hatten den Ort weitestgehend in seiner baulichen, wie auch in seiner gesellschaftlichen Struktur zerstört. Die einst reiche Silberstadt ist im Vergleich der Einwohner-zahlen von 1991 und 2013 mit einem Bevölkerungsverlust von 2/3 eingeschrumpft.

Das wiederaufgebaute Srebrenica wurde mit neuen Straßen und Straßenbeleuchtungen ausgestattet. Alle Häuser, samt den im Ort noch stehenden Kriegsruinen, sind dogmatisch ans neue Stromnetz angeschlossen worden. Am Anfang des Stadtkerns, aus Potočari kommend, ein neues kleines Krankenhaus, eine neue Schule, eine neue Polizeistation und im Zentrum ein modernes großes Sportgelände für Freizeitaktivitäten, dessen Flutlicht bis spät in die Nacht die Dunkelheit durchbricht. Zwischen der wieder aufgebauten Moschee mit ihrem Minarett und der ebenfalls wieder errichteten orthodoxen Kirche steht symbolhaft das Gebäude der OSZE.

Die wiedererrichtete städtebauliche Infrastruktur würde in einem Computerspiel wie SimCity eine gute Voraussetzung sein, eine virtuell errichtete Stadt als lebensfähig anzulegen und zu einer gedeihenden Stadtentwicklung zu führen. Letzteres bleibt in Srebrenica seit Jahren aus. Dies liegt nicht nur an den tausenden vertriebenen und getöteten Einwohnern. Es liegt viel mehr am Umgang mit dieser jüngsten Geschichte des Ortes, an der ausbleibenden wirtschaftlichen Entwicklung der Gegend, die Tristesse und Perspektivlosigkeit mit sich führt. Und es liegt vor allem an der in ganz Bosnien bestehende Korruption der Politiker und deren Verbindungen zu kriminellen Strukturen, die auch in Srebrenica eine neue positive Entwicklung verhindert. Natur- und Erholungstouris-mus sollten die Gegend wirtschaftlich beleben. Im Zentrum der Stadt steht ein großer fertig-gestellter Hotelkomplex seit Jahren leer. Bei den Einwohnern heißt das Gebäude nur „the never opening hotel“. In anderen Stellen ein ähnelndes Bild. Ein großer Hotelrohbau liegt in den Bergen brach. Die Kredite wurden ausgezahlt und die Bauvorhaben nicht weitergeführt, weisen sie auch hier auf ein wesentliches Problem Bosnien und Herzegowinas hin.

Ein alter Mann aus Srebrenica, den ich auf einem Aussichtspunkt über der Stadt treffe, beschreibt die Situation so: „Srebrenica ist eine tote Stadt, nicht wegen der jüngsten Geschichte, sondern weil die junge Generation nicht hier her zieht und die, die hier sind, nicht bleiben können. Wir Alten sterben und schließen mit unserem Tod die Häuser hinter uns zu.“

Mir ist erst Monate später bewusst geworden, dass Srebrenica eine viel stärkere Wirkung auf mich hatte, als ich im ersten Moment zugelassen habe. Dass der erzählende Fluss unterhalb des Sichtbaren so viel stärker ist, als ich das realisiert habe und so viel stärker auf mich gewirkt hatte, als ich mir das eingestanden habe.

Ich wohne in meiner Zeit in Srebrenica bei Fatima, einer älteren allein lebenden bosnischen Frau, die 2001 in ihr zerstörtes Haus zurückgekehrt ist. Während des Frühstücks versuchen wir uns mit meinen wenigen Worten bosnisch und ihren doch mehr Worten deutsch zu unterhalten. Ihr Wohnraum wird mit einem kleinen Holzofen beheizt und ist zeitgleich ihre Küche. Unweigerlich kommen wir in den wenigen Worten, die wir wechseln, auf das Wesentliche zu sprechen. Auf dem veralteten farbigen Kalenderblatt hinter mir ist Tito zu sehen und daneben eine Fotografie eines Mannes. Ihr Ehemann Meho. Ich frage sie, was mit ihm ist. Sie legt kurz ihr Strickzeug weg, schaut mich an und zieht sich den Zeigefinger mit einer Kehle-durchschneidenden-Bewegung am Hals vorbei. Beide haben gemeinsam die drei Jahre Belagerung und Beschuss durchgemacht. Sie selbst war in der Zeit der Übernahme der Truppen unter Befehl von Mladić im UN-Lager Potočari.

Mit dem Abzug des holländischen UN Bataillons, dessen Aufgabe der Schutz der bosniakischen Bevölkerung war, wurde das Versagen der UN Mission und der internationalen Gemeinschaft besiegelt. Das Gedenken an den Massenmord von Srebrenica ist in Bosnien und Herzegowina ein polarisierendes Thema mit verschiedenen Ansichten. Außer Frage steht hier die Verurteilung des Kriegsverbrechens an der Bevölkerung. In der Föderation taucht Srebrenica als Mahnung an die Opfer und die Verurteilung des serbischen Kriegsverbrechens sehr ausgeprägt auf. In der Republika Srpska wird das Thema eher mit Schweigen bedacht oder mit den eigenen Opfer des Krieges, durch die Kriegsverbrechen der kroatischen Armeen sowie der Brigaden der Lilien, aufgerechnet. Alle Kriegsverbrechen sind zu verurteilen und zu verachten.

Vielleicht wäre es ein symbolischer Anfang eines neuen gemeinsamen Umgangs mit der jüngsten Geschichte und eine neue Ebene der Versöhnung, ähnlich eines Kniefalls, wie der von Willy Brandt am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos, neben der serbische Fahne an der Polizeistation in Srebrenica auch die Nationalfahne Bosnien-Herzegowinas zu hissen und an jedem 11. Juli beide für drei Tage auf Halbmast zu setzen. Diese Zeit wird kommen.

York Wegerhoff, Bosnien und Herzegowina, Srebrenica und Potočari 2018 / 2019